Thesen zur Theorie der
Selbstorganisation und Evolution
1.Grundlagen der Evolution
- Selbstorganisation und Evolution sind universelle Eigenschaften der Materie, die in allen Bereichen der unbelebten und belebten Natur sowie
in der Gesellschaft wirksam
sind. (siehe Tabelle)
- Die Grundprinzipien von Selbstorganisation
und Evolution wirken in allen Bereichen in gleicher Weise, dabei unterliegen diese Prinzipien aber selbst
der Evolution, so daß auf den höheren Stufen der
Entwicklung immer neue Gesetzmäßigkeiten hinzukommen und wirksam werden. Evolution ist
ein gerichteter, irreversibler Prozeß, der den Ablauf der Zeit bestimmt.
- Ein grundlegendes Prinzip der
Selbstorganisation ist die Vereinigung von Elementen zu
Systemen, in deren Inneren die Wechselwirkungen der
Elemente intensiver sind als ihre Wechselwirkungen nach
außen. In diesem Prozeß bilden sich hervorstechende Ordnungsparameter, welche die Dynamik des Systems bestimmen und
denen sich die Bewegung der Elemente unterordnet. Dadurch
erwirbt das System qualitativ neue Eigenschaften, die
über die Summe der Eigenschaften der Elemente hinaus
gehen (Emergenz). In der Gesellschaft ist Geld
z.B. ein solcher Ordnungsparameter.
- Durch Vereinigung solcher Systeme zu
übergeordneten Systemen entstehen immer komplexere
hierarchisch geordnete Systeme mit immer weitergehenden
Möglichkeiten und damit die höheren Ebenen der Evolution. In einer alternativen
Betrachtungsweise entstehen komplexe Systeme nicht durch Vereinigung
untergeordneter Systeme oder Bauteile, sondern durch Abgrenzung von ihrer
Umwelt und durch Differenzierung in untergeordnete Systeme. Diese
Differenzierung bedeutet aber gleichfalls eine Erhöhung der Komplexität.
- Komplexe Systeme differenzieren sich und
bilden unterschiedliche Teilsysteme mit immer komplexeren
Wechselwirkungen und Verflechtungen. Sie sind nichtlinear
aufgebaut. Beispiele solcher Systeme mit
unterschiedlicher Komplexität sind
(Kritische Anmerkungen zu diesen Grundthesen
finden Sie bei Rudi
Zimmerman)
2.Prinzipien der Evolution
- Wichtigste Eigenschaft eines zur Evolution
geeigneten Systems ist seine Fähigkeit zur Selbstreproduktion. Ohne diese Eigenschaft ist die weitere
Entwicklung eines Systems nicht möglich, es entsteht
allenfalls durch Selbstorganisation ein stabiles System
mit emergenten Eigenschaften, das sich nicht weiter
verändert. Die Fähigkeit zur Selbstreproduktion
ermöglicht die Herstellung einer Kopie und damit die
Vervielfältigung des Systems als unverzichtbaren Ausgangspunkt für die
Weiterentwicklung seiner Kompetenzen.
- Evolutionsfähige
Systeme befinden sich als
dissipative Systeme durch ständige Zufuhr freier Energie
in einem Fließgleichgewicht,
wodurch die Aufrechterhaltung ihrer Struktur sowie die
Zufuhr von Energie und der Export von Entropie für den
Aufbau neuer Strukturen zur Herstellung einer Kopie
gewährleistet sind. Auch die kosmische Evolution
ist mit Entropieproduktion und Entropieexport verbunden. Lebende Systeme
überwinden den dissipativen Zustand durch Übergang zur aktiven
Beschaffung freier Energie. Sie werden damit zu Subjekten
mit eigenen Interessen
zur Reproduktion ihrer Kompetenzen.
- Evolutionsfähige Systeme benötigen einen
Informationsspeicher
zur Aufbewahrung des Bauplanes und der Bauanweisungen
für das zu kopierende System. Der einfachste
Informationsspeicher ist das Vorhandensein von 2
möglichen Zuständen des Systems, ohne das sich die
Systemeigenschaften verändern. In der Chemie haben
autokatalytische Substanzen selbstreproduzierende
Eigenschaften. Hier können Moleküle an freien Valenzen
weitere Atome anlagern, ohne ihre Eigenschaften zu
verändern, so dass sie sich selbst kopieren und weitere
Moleküle gleichen Aufbaues produzieren. In lebenden
Systemen enthalten die Gene die Informationen für den
Aufbau neuer Organismen der gleichen Art. In sozialen
Systemen sind es die Meme, die für die
Erhaltung und Verbreitung kultureller Traditionen sorgen,
die im Gehirn der Individuen, in Büchern, Filmen und
elektronischen Medien gespeichert sind.
- Durch eine zufällige Einwirkung (eine Mutation) entsteht mitunter eine veränderte
(fehlerhafte) Kopie des Bauplanes und demzufolge eine
Veränderung der Eigenschaften des kopierten Systems. Die
Funktionsfähigkeit des veränderten Systems kann sich
dadurch verbessern oder verschlechtern. Führt die
Mutation dazu, daß das System seine innere Stabilität
verliert, so wird die veränderte Eigenschaft automatisch
nicht weiter vervielfältigt. Andernfalls wird die
veränderte Eigenschaft weitervererbt und es entsteht
eine neue veränderte Art oder soziale Struktur. Die Zufälligkeit dieser
Mutationen (Fluktuationen) ist
eine heute allgemein akzeptierte, aber weder bewiesene noch widerlegte Annahme.
Auch dort, wo Umwelteinflüsse vererbbare systematische Veränderungen der
Systemeigenschaften hervorrufen (Epigenetik),
kann eine zeitweilig verdeckte zufällige Mutation des Bauplanes als
ursprüngliche Ursache nicht ausgeschlossen werden.
- Die veränderten Arten existieren entweder
parallel weiter und führen zu einer Vielfalt der
Population oder, falls die unterschiedlichen Arten um
eine beschränkte Ressource konkurrieren, wird die
weniger funktionstüchtige (weniger fite) Art von der
besseren verdrängt (natürliche Selektion). Das führt
zur allmählichen Verbesserung und damit
Höherentwicklung der Systeme.
- Ist der Prozeß der Selbstreproduktion
sehr stabil und treten nur selten kleine Kopierfehler
auf, so ist die Evolutionsgeschwindigkeit klein und die
Art entwickelt sich nur langsam. Ist die Fehlerrate sehr
groß, so werden zu wenig stabile und weiter
lebensfähige Systeme erzeugt (Mutationskatastrophe). Die betreffende Art stirbt aus. Die höchste
Evolutionsgeschwindigkeit wird
bei einer Fehlerrate und Mutationsschrittweite erreicht,
die dicht unter derjenigen liegt, bei der die Art nicht
mehr lebensfähig ist (Mutationsfenster). Da bei
Vorliegen von Konkurrenz und Selektion diejenige Art als
Sieger hervorgeht, die sich am schnellsten
höherentwickelt, wird nicht das stabilste System
bevorzugt, sondern dasjenige, dessen Fehlerrate am
dichtesten an der Stabilitätsgrenze liegt. Das Leben
entwickelt sich entlang der Grenze zum
Chaos. Bei nicht konstanten Umweltbedingungen
kann sich die Evolutionsgeschwindigkeit aber auch erhöhen, wenn zunächst
unwesentliche Mutationen weitervererbt und erst später durch Veränderung
der Umweltbedingungen ausselektiert werden.
- Die in einer weitgefächerten Population
nebeneinander weiter existierenden modifizierten Arten
ermöglichen bei einer Veränderung der
Umgebungsbedingungen die Anpassung
der Population an die
veränderten Bedingungen. Die Anpassung erfolgt dabei
nicht durch Anpassung des Individuums, sondern durch eine
Veränderung der Genhäufigkeiten innerhalb der
Population, indem weniger passende Modifikationen
zurückgedrängt und besser passende Modifikationen bei
Konkurrenz bevorzugt werden. Im Unterschied zu den Genen
sind die die kulturelle Evolution tragenden Meme bedeutend flexibler gespeichert und können
deshalb auch direkt angepasst werden. Das gilt jedoch
nicht für die im frühen Kindesalter im Gehirn eingespeicherten Meme.
- Die Veränderung der Umgebungsbedingungen
erfolgt durch die Evolution der Systeme, die sich
außerhalb des gerade betrachteten Systems befinden und
dessen Umgebung darstellen. Dadurch wird die Evolution
aller Systeme miteinander zu einer Koevolution verkoppelt, die wiederum die Evolution des
übergeordneten Systems repräsentiert.
- Da die Fehlerrate bei der Reproduktion mit
der Anzahl der Elemente und ihrer möglichen
Wechselwirkungen überproportional ansteigt, erreichen
große Systeme schnell ihre Stabilitätsgrenzen. In der
Evolution werden deshalb solche Systeme bevorzugt, die
hierarchisch aus Teilsystemen aufgebaut sind, welche
selbständig reproduktionsfähig sind. Diese Teilsysteme
entwickeln sich dann schnell zu optimierten
Teillösungen, werden stabil und verändern sich dann nur
noch langsam. Das übergeordnete System übernimmt bei
seiner Evolution diese Teillösungen in das neue
weiterentwickelte System, ohne sie zu verändern
(Standardisierung). Dies hat zur Folge, daß bestimmte
Strukturen und Funktionsprinzipien auf verschiedenen
Hierarchieebenen eines komplexen Systems einander
ähnlich sind.
- Die Entstehung systembedingter Emergenz auf jeder
neuen Stufe der Systemhierarchie hat zur Folge, dass in
der Evolution miteinander konkurrierende Systeme ihre Komplexität ständig
erhöhen und damit
Selektionsvorteile erzielen. Weniger komplexe Systeme
besetzen dann nur noch Nischen, in denen hochkomplexe
Systeme ihnen keine Konkurrenz bedeuten. Die Bildung
immer komplexerer Systeme scheint das Ziel der Evolution zu sein, welches die Evolutionsforschung zu
ergründen sucht.
- Die Selbstreproduktion hochkomplexer
Systeme erfordert zwangsläufig eine immer höhere
Speicherkapazität für Informationen.
Gleichzeitig ermöglicht aber auch die höhere
Komplexität des Systems die Bereitstellung dieser
Kapazität. Aus diesem Wechselverhältnis resultiert die
bei hochkomplexen Systemen zu beobachtende
Überdimensionierung der Informationskapazität, wodurch
freie, nicht zur Reproduktion erforderliche
Informationskapazität zur Verfügung steht. Auf dieser
Grundlage entwickelt sich das Gedächtnis , das Bewusstsein und die Informationsgesellschaft.
- Die Aktivitäten eines hochkomplexen
Systems bestehen in erster Linie in der Auseinandersetzung mit
seiner Umwelt. Diese gelingt um
so besser, je besser das System seine Umwelt beobachtet und aus diesen Beobachtungen seine
Handlungen ableitet. Die Ableitung dieser Handlungen aus früher gemachten und gespeicherten
Erfahrungen wird bei den höheren Tierarten
erreicht.
- Die nächste Stufe der Evolution wird mit
dem Menschen erreicht. Der Mensch ist in der Lage, in seinem
Bewusstsein ein der äußeren Umwelt
angenähertes inneres Abbild zu speichern, das es
ihm ermöglicht, die Folgen seiner Handlungen im voraus
zu erkennen, zu lernen
, zu denken und seine Handlungen auf die Reaktion der
Umwelt einzustellen. Diese Fähigkeit sicherte ihm die
Vorherrschaft auf der Erde.
- Die weitere Entwicklung
des Menschen wurde durch seine Sozialisierung und die
damit verbundene kulturelle
Evolution bestimmt. Sie wurde
ermöglicht durch die Selbstwahrnehmung des Menschen und
die damit verbundene bewusste Erkenntnis der Vorteile,
die ihm beim Zusammenleben in einer größeren
Gesellschaft entstehen können. Die mehrfache Reflexion
und die Berücksichtigung der bewussten Reaktionen
anderer Menschen auf seine Handlungen erzeugten das Selbstbewusstsein des
Menschen und seine Kooperationsfähigkeit. Die weitere Entwicklung
des Bewusstseins muss es dem Menschen gestatten, sich wieder in den
allgemeinen Evolutionsprozess der Natur einzuordnen, um damit sein
Überleben auf einer überbeanspruchten Erde zu sichern.
- Durch diese Sozialisierung des Menschen
entstand eine neue
Ebene der Evolution, die Ebene
der Evolution
gesellschaftlicher Systeme.
Auch auf dieser Ebene wirken im Wesentlichen alle Prinzipien, die für die Evolution auf den unteren Ebenen
maßgebend waren, einschließlich der Effekte der
Emergenz, d.h. gesellschaftliche Systeme entfalten Funktionen und Eigenschaften, die dem einzelnen Menschen nicht zuordenbar
sind. Diese Entwicklung ist zur Zeit noch voll im Gange
und stellt Anforderungen an die Evolutionsfähigkeit der Gesellschaftssysteme und ihrer Bewertungskriterien
und wirft die Frage ihrer Steuerbarkeit und
ihrer zweckmäßigsten Strukturen auf.
- Die gesellschaftliche Evolution befindet
sich gegenwärtig in einer Phase, in der alle
gesellschaftlichen Systeme der Erde
politisch, wirtschaftlich, technisch und kommunikativ in
Wechselwirkung stehen, wodurch sich das komplexeste
System bildet, das überhaupt auf der Erde möglich ist.
Durch diese Globalisierung werden bisher in gesellschaftlichen Systemen
gültige Ordnungsparameter und Bewertungskriterien in
Frage gestellt und uns steht eine prometheische Revolution bevor. Die derzeit unauflösbaren Widersprüche
zwischen den USA und der UNO führen zu einer Instabilität der Weltordnung und sind deutliche Anzeichen bevorstehender
radikaler Umbrüche.
- Die Zusammenarbeit der Menschen in
gesellschaftlichen Systemen löste eine technische Evolution aus, deren ökologische Konsequenzen zur Zeit noch gar nicht absehbar sind und deren
Modellierung noch in den Anfängen steckt. Es ist durchaus
möglich, daß sich mit der Entwicklung der
Computertechnologie die gesamte technische Evolution
verselbständigt und der Mensch die Kontrolle über die technische Entwicklung verliert. Aus
der Gentechnik könnte eine Entwicklung hervorgehen, die
zu einer Neuzüchtung des Menschen und seiner auch
genetischen Weiterentwicklung führt. Dies könnte zu
einer Konkurrenzsituation zwischen Mensch und Technik
führen, es ist aber auch eine Verschmelzung von Mensch und Technik durch technische Organ-
und Neuroimplantate denkbar. Noch ist nicht absehbar, ob
die Menschheit fähig sein wird, rechtzeitig ihr rasch
anwachsendes Wissen aus der Krise zu führen und mit richtigen Entscheidungen die Evolution in eine Richtung zu lenken, die ihr eine lebenswerte Zukunft sichert.
Am Ende möchte ich hier noch festhalten, dass
Evolution nach wie vor ein sehr aktuelles Thema ist. Das sieht man
beispielsweise daran, dass Wissenschaftler weiterhin Kongresse und Tagungen dazu
abhalten. Diese finden oftmals in einem modernen Tagungshotel
statt. Daneben richten sich die Experten in Fernseh- oder Radiosendungen und in
Podiumsdiskussionen an ein breiteres Publikum. Die Biowissenschaften
haben die Physik als Leitwissenschaft längst abgelöst. Das hat auf der
wissenschaftlichen Ebene dazu geführt, dass man dazu tendiert, neuen und
bislang unbekannten Problemen eine biologische Interpretation zu geben. Auf der
gesellschaftlichen Ebene sagen die Zahlen des Arbeitsmarktes,
dass es immer mehr Jobs in diesem Bereich
gibt. Vom Personal vieler Forschungsinstitutionen werden interdisziplinäre
Kenntnisse verlangt. So kommt es immer wieder vor, dass sich Forscher mit
Biotechnologie und Evolutionstheorie beschäftigen, auch wenn der Schwerpunkt
ihrer Forschung nicht in diesem Bereich liegt.
30.01.12