Nach Rupert
Riedl:
Kulturgeschichte der Evolutionstheorie
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Zeitraum und Hauptvertreter |
Charakteristischer Stand der Erkenntnisse zum Welt- und
Menschenbild 1. Heroische Phase |
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Frühzeit |
Entstehungsmythologien, Götter
erschaffen die ganze Welt |
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Altertum 300 v. Chr. |
Beginn der Spaltung des
Weltbildes |
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Zeitenwende |
Anknüpfung an Aristoteles,
aber das Lebendige entsteht durch Urzeugung aus dem Anorganischen, aus nichts
kann nichts werden. Die Natur schafft sich selbst aus Bedürfnis, Gebrauch und
durch Selektion |
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Mittelalter, Giordano Bruno, Kopernikus, Machiavelli, Leonardo, Galilei |
Die Lehren des Lukrez
werden vergessen, es dominiert die Schöpfungsgeschichte des Christentums
gemäß dem 1. Buch Moses, die Schöpfungsreihenfolge der Bibel: Himmel, Erde,
Licht à Wasser à Pflanzenwelt à Sonne, Mond und Sterne am Firmament à Tierwelt à Mensch entspricht bereits heutigen
wissenschaftlichen Erkenntnissen, wird aber durch Fossilfunde und Astronomie
erweitert. |
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17./18.Jahrhundert Maupertuis, Lamettrie, Linnes, Voltaire |
Mechanistischer
Materialismus |
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Um 1800 |
Positivismus orientiert
auf das empirisch Erkennbare, die Deutung bleibt fragwürdig, nicht Wahrheit,
sondern Nützlichkeit stehen im Vordergrund. |
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18./19.Jahrhundert |
Empirische Morphologie:
Wahrnehmung und ihre Deutung bilden gemeinsam die Grundlage der Erkenntnis,
Erkennen aber hat Vorrang vor der Erklärung und ist deren Voraussetzung. |
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Beginn 19.Jahrhundert |
Durch den Soziologen
Malthus wurden die Bedingungen der Populationsentwicklung ins menschliche
Bewusstsein gebracht, der Geologe Lyell zeigte anhand geologischer
Entwicklungen die Unhaltbarkeit des biblischen Zeitmaßstabes und Spencer
entwickelte aus seiner Philosophie heraus ein Entwicklungs- und
Fortschrittskonzept, das bei Tieren auf Anpassung an ihre natürliche Umwelt,
durch Vererbung von Funktionsänderungen und Ausmerzung der Nichtgeeigneten,
beim Menschen auf Anpassung an seine soziale Umgebung beruhte. |
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Döllinger, Burdach, Baer |
Im Gegensatz dazu vertrat
Baer 1828 in seinem Hauptwerk "Über die Entwicklungsgeschichte der
Thiere" die Auffassung, dass die Entwicklung aller Wirbeltiere einem
Grundplan folgte, so wie die Entwicklung aller Mollusken einem anderen. Von
Anpassung und Selektion war nicht die Rede. |
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19. Jahrhundert Charles Darwin, |
Darwin folgt im
wesentlichen der Theorie von Lamarck. - Arten verändern sich und
stammen voneinander ab, der Mensch inbegriffen - Die am besten
angepassten Individuen werden selektiert und überleben - Die erworbenen
angepassten Eigenschaften werden auch vererbt - Pangenetische
Vererbungstheorie: die erworbenen Eigenschaften aller Zellen sind in Stoffen
fixiert, die über den Blutstrom im Körper verteilt werden und so in die
Keimzellen gelangen. Die Mendelschen Gesetze kennt Darwin nicht. Darwin kennt aber bereits
folgende Phänomene, die sich nicht durch Anpassung und Selektion, sondern nur
durch innere Bedingungen erklären lassen und vertritt deshalb seine Theorie
nur zurückhaltend: - Atavismus, Merkmale aus
der vergangenen Stammesentwicklung - Nachbildung von Organen
an falschen Stellen |
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Um 1890 |
Der Darwinismus: Wallace vertritt die
gleichen Auffassungen wie Darwin
nur in Bezug auf die Lehre von
Abstammung, Anpassung und Selektion, nennt diese reduzierte Theorie aber als
erster Darwinismus. Die Vererbung erworbener Eigenschaften und die
Pangenetische Vererbungstheorie lehnt er ab, ohne zu bemerken, dass die
Selektion damit für die Abstammungslehre wirkungslos wird. Die von Darwin
bereits erkannten, nicht erklärbaren Phänomene und die Theorie von Baer
ignoriert er ganz. Hiermit wurde der zwischen Lamarck und Darwin gar nicht
vorhandene Gegensatz zwischen Lamarckismus und Darwinismus erst konstruiert. |
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Um 1900 |
"Alt-Darwinismus" |
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2. Ideologische
Phase
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Stand bis 1910 |
Die Abstammungslehre
scheint bewiesen aus folgenden Erkenntnissen: - Systematik der Stämme,
Gattungen und Arten - Ähnlichkeiten und
Homologien unterschiedlicher Gattungen und Arten - Paläontologie,
Fossilfunde von Entwicklungsreihen und Zwischengliedern - Embryologie,
Wiederholung der Phylogenie in der Ontogenie -Tiergeografie,
Verbreitungsgebiete und -barrieren der Arten Da es für die Evolution
aber keine einheitlichen Erklärungen gab, wurde das Welt- und Menschenbild
durch die Abstammungslehre kaum beeinflusst. Die Welt machte einen geordneten
Eindruck und blieb nach Ansichten des privaten Lebens weiterhin geteilt in
kreationistische und evolutionäre Anteile. |
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Bis 1930 |
Widersprüchliche
Erklärungen für folgende Fragen: - wie werden diese erblich
? Unterschiedliche
nichtzusammenhängende Theorien: - altdarwinistische
Pangenesetheorie - Keimbahntheorie von
Weismann; keine Beeinflussung der Keimzellen durch Körperzellen,
Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze, Entdeckung spontaner zufälliger
Mutationen à Neodarwinismus kleine mutative Änderungen
führen nicht zur Selektion - geringe Chance
gleichzeitiger Änderung mehrerer Merkmale zur Aufrechterhaltung
lebenswichtiger Funktionen, doch adaptieren Teile funktioneller Organsysteme
offenbar gemeinsam - zur Bestätigung der
Vererbung erworbener Eigenschaften angelegte Experimente werden fehlgedeutet,
obwohl diese tatsächlich lediglich zeigen, dass durch veränderte
Umweltbedingungen auf frühere Organentwicklungen zurückgeschaltet werden
kann: - Zweckmäßigkeit des
Bauplans aller Organismen sei auf eine Intelligenz alles Lebendigen
zurückzuführen à Vitalismus Es stellen sich 3
unvereinbare Welt- und Menschenbilder zur Diskussion: - der Mensch als
Milieuprodukt (Neolamarckismus) - der Mensch als Planung
der Schöpfung (Vitalismus) - religiösen Mystizismus |
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1950 |
Die Molekulargenetik weist
nach, dass die Doppelhelix der DNA der Träger der Erbsubstanz ist und über
die Boten-RNA (mRNA) und die Transfer- oder tRNA-Moleküle aus Aminosäuren in den Zellen die Proteine
zusammengesetzt werden. Dieser Syntheseapparat ist eindeutig von der
Erbsubstanz zu den die Körpersubstanz aufbauenden Proteinen gerichtet und
bestätigt damit die Weismannsche Keimbahntheorie und widerlegt die
Möglichkeit der Vererbung erworbener Eigenschaften und damit den
Neolamarckismus. |
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1960
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Entdeckung der Regulator-
und Operatorgene, die in Abhängigkeit von der chemischen Zusammensetzung der
Zelle die Synthesetätigkeit der Strukturgene in Gang setzen oder stoppen.
Damit ergibt sich die Möglichkeit einer Rückwirkung der Körpersubstanz auf
die Vererbung dieser oder jener Eigenschaft. à epigenetische Vererbung |
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Bis 1970 Morowitz |
Für die verlässlichsten
Belege der Evolutionstheorie fehlten weiterhin die Erklärungen. Folgende Fragen waren noch offen: - rein statistisch reicht
die Anzahl der Gene der Organismen nicht aus, um deren sämtliche
Eigenschaften und Merkmale zu codieren. Die zufällige Mutationsrate der
Einzelgene reicht nicht aus, um die Entwicklungs-geschwindigkeit der
Organismen zu begründen. Die komplexe Hierarchie der Organismen müsste sich
in einer ebenso komplexen Hierarchie der Gene widerspiegeln. - eine Vielzahl genetisch
ausgelöster Organveränderungen ist experimentell beobachtet, die einen
Prozess der inneren Abstimmung voraussetzen, dessen Mechanismus noch völlig
unbekannt war. - das Vorhandensein von Atavismen,
diesen Überbleibseln früherer Ausstattungen, deren Wiederauslösbarkeit und
deren Wiederholung in der ontogenetischen Entwicklung konnte noch immer nicht
erklärt werden. - komplexe, funktionell
geschlossene Baueinheiten wiedersetzen sich der Adaptierung, sind so alt wie
die Tierstämme und der Schichtenbau der Baupläne. Der Zusammenhang ist
deutlich, die Ursache aber noch offen. Die Erwartung einer
empirisch erfassbaren, sich selbst ordnenden Natur steht immer noch zwischen
zwei Fronten: - und dem linearen Denk-
und Ursachenkonzept des naturwissenschaftlichen Rationalismus |
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3. Systemische Phase |
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Systemtheorie des Erkennens |
Evolutionäre Erkenntnistheorie:
Gestaltwahrnehmung entwickelt sich bereits bei Tieren und deren
Weltbildapparat ist der Vorläufer des ratiomorphen Apparates des Menschen.
Deshalb ist unsere ratiomorphe Interpretation der Welt kein reiner Unsinn,
sondern Voraussetzung des Lebenserfolges. Bereits im Unbewussten wird die
reale Welt für viele Zwecke ausreichend richtig interpretiert. Das biologische Ordnungssystem hat unscharfe Ränder und Grenzen,
weil in der realen Natur diese Übergänge vorhanden sind. Deshalb können auch
Begriffe und Kategorien nicht beliebig scharf definiert werden. Empirische Einsicht folgt
der Komplexität der Naturordnung. In der Natur entstehen komplexe Systeme
nicht durch Zusammenfügung fertiger Bausteine, sondern durch Abgrenzung aus
dem komplexen Zusammenhang ihrer Umgebung und Differenzierung ihrer Bestandteile in Untersystemen. In
homologer Weise entstehen empirische Ordnungssysteme durch das Prinzip der
wechselseitigen Erhellung. Wiederholt empirisch
festgestellte Zusammenhänge werden von uns bereits unterbewusst als Ursache -
Wirkungszusammenhang interpretiert. Das kann aber eine unzulässige
Extrapolation sein. Nur durch rationales Denken kann die eventuelle
Unzulässigkeit einer solchen Extrapolation aufgeklärt werden. Daraus entsteht
in der Evolution der Überlebensvorteil rationaler Denker. Theoretische
Systeme müssen aber nicht unbedingt exakt beweisbar sein, es genügt für
menschliche Zwecke eine hohe Wahrscheinlichkeit ihrer Wahrheit. In diesem Sinne ist die
biologische Systematik der Organismen ein mit hoher Wahrscheinlichkeit
natürliches System. Naturwissenschaften
beruhen auf Erklärungen durch wirkende Kräfte und Ursachen,
Geisteswissenschaften auf Erklärungen durch Sinn und Zweck. Deshalb die Welt
in Materie und Geist zu zerlegen ist unangebracht und bedarf der
wechselseitigen Erhellung. |
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Systemtheorie des Erklärens |
Die in der synthetischen
Theorie des Neodarwinismus nicht erklärbaren Phänomene betreffen im
wesentlichen die Evolution, Anpassung und Selektion komplexer Organsysteme.
Sie können durch folgende Annahmen Riedls erklärt werden: - komplexe hierarchisch
aufgebaute Körperstrukturen werden durch analog aufgebaute komplexe
Genstrukturen kodiert. Schalt- und Operatorgene organisieren die Ontogenese
nach codierten Bauplänen. - zufällige Mutationen der
Schalt- und Operatorgene führen zu aufeinander abgestimmten Variationen
komplexer Organstrukturen. - die Selektion setzt an
der Funktionsfähigkeit und Angepasstheit komplexer Organstrukturen an. - alle Erscheinungsformen
von Atavismus wie auch die Embryonal-entwicklung beruhen auf der Erhaltung
alter Entwicklungsmuster und ihrer Ein- und Ausschaltung durch genetische
oder epigenetische Ursachen - die Genkopplung zeigt
jedoch auch eine entgegengesetzte Wirkung: verlangt die Milieu-Anpassung die
Beibehaltung eines Teiles und die Veränderung eines anderen Teiles der
gekoppelten Funktionalität, so wird diese Variation extrem erschwert. Die
Adaption an veränderte Bedingungen wird verhindert. Dies erklärt sowohl die
Beibehaltung einmal eingeschlagener Wege der Stammesentwicklung als auch die
Konservativität mehrfach vorhandener Bauteile mit Mehrfachfunktionalität,
während neue Entwicklungen schneller mutieren. Mit diesen Erklärungen ergibt
sich ein im wesentlichen geschlossenes Bild der biologischen
Evolutionstheorie. |
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Die neue Spaltung |
Das neue Welt- und
Menschenbild wird immer weniger von den speziellen Problemen der biologischen
Evolutionstheorien und immer mehr von interdisziplinären, fachübergreifenden,
bis in die Gesellschaftsentwicklung wirkenden Grundanschauungen und
Einsichten geprägt. Dabei stehen sich zwei Grundtendenzen gegenüber: - Komplexe Systeme werden
durch Reduktion auf ihre Grundbausteine in ihrer Funktionalität immer mehr
verstanden und von da aus verändert. Die Vorstellung von der Machbarkeit
dieses Konzeptes ist in Industrie, Wissenschaft und Gesellschaft weit
verbreitet und kommt klar in der weiten Verbreitung liberalistischer
Bestrebungen zum Ausdruck. Das Auftauchen emergenter Eigenschaften in
komplexen Systemen wird zwar konstatiert und akzeptiert, aber das Wesen
dieser Emergenz ist noch immer unverstanden. Trotzdem wird an den Bausteinen
immer weiter herumgebastelt, um das System zu verändern und zu verbessern, ohne
jedoch zu wissen oder voraussagen zu können, in welcher Weise das System als
Ganzes reagieren wird. Dieser Zustand wird weitgehend hingenommen. - Auf der anderen Seite
regt sich diffuser Widerstand gegen diese lineare Dynamik. Komplexe Systeme
reagieren mit einer rückgekoppelten Kausalität und lassen sich nicht von
ihren Elementarbausteinen aus regulieren. Die Emergenz verleiht dem System
eine gewisse Selbständigkeit. Diese Emergenz kommt z. B. auch in
Gesellschaftssystemen zum Ausdruck, in denen sich Bürgerbewegungen gegen
diese reduktionistischen Machbarkeitsansprüche organisieren und zur Wehr
setzen. So repräsentieren die Umweltbewegungen ein holistisches Prinzip, das
den Tendenzen ungebremsten Wachstums entgegensteht, in gewisser Weise die
Interessen des Gesamtsystems vertritt und die Frage nach dem Sinn und Zweck
des Ganzen in den Vordergrund bringt. |
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Der Zeitgeist |
Die Evolutionstheorie und
ihr Wandel sind Teil unserer Kultur- und Geistesgschichte. Dabei sind
metaphysische Konzepte, Juden- und Christentum, Islam, Buddhismus, Empirismus
und Rationalismus, Materialismus und Idealismus von längster Dauer. Sie rühren aus der Notwendigkeit, Leben und
Schicksak irgendwie zu deuten und dem Erkenntnisvermögen eine Grundlage zu
geben. Die Weltbilder der Wissenschaften
wandeln rascher. Sie folgen einem additiven Prinzip, bauen aufeinander auf
und das alte wird Bestandteil des neuen. Die Weltbilder der Künste
von den Stilen bis zu den Moden sind nicht additiv, sondern auslöschbar und
repräsentieren den jeweiligen Zeitgeist. Die Entwicklung der
Evolutionstheorie widerspiegelt in allen ihren Phasen den jeweiligen
Zeitgeist, auch wenn ihre Schrittmacher diesem häufig voraus waren. Zwischen der Entwicklung
des Zeitgeistes und der Theorie der Evolution gibt es einen sich selbst
schöpfenden Systemzusammenhang. Trotz aller Zufälle und Schwankungen zeigt
sich eine deutliche Richtungshaftigkeit, ein übergeordnetes
Entwicklungsprinzip, demzufolge sich entgegen dem Wachstum der Entropie
fortgesetzt komplexe geordnete Strukturen bilden. Durchgesetzt wird es,
indem geordnete Systeme neue Erhaltungbedingungen gewinnen, deren
Erhaltungszeit mit zunehmender Komplexität immer kürzer wird. Im Wandel von Zeitgeist,
Evolutionstheorie und Menschenbild ist weder ein sinnloses kosmisches Getriebe
noch eine prästabilisierte Harmonie zu erkennen, jedoch zeigt sich, dass der
Mensch seine Herkunft, seine Geschichte, die Bescheidenheit seiner
Austattung, seine Überheblichkeit, seine Verflechtung im Komplexen und seine
Verantwortlichkeit für die Welt immer besser verstanden hat und seine
widersprüchlichen Vorstellungen auf eine poststabilisierte Harmonie zulaufen. |