Einige Gedanken zum und aus dem Buch von Georg A.Litsche
In diesem Buch wird die Menschwerdung als eine gerichtete Entwicklung theoretisch rekonstruiert, bei der jeder Entwicklungsschritt als eine zwangsläufige Folge des bis dahin erreichten Entwicklungsniveaus erscheint. Für Zufälle bleibt nur wenig Raum, diesen werden lediglich unwesentliche Modifikationen zugeschrieben. Die Evolution konnte nur so oder gar nicht laufen.
Jede Entwicklungsstufe des Systems ist charakterisiert durch dessen
Stabilität in der jeweiligen Umgebung als notwendige Existenzbedingung. Das
System wird durch die von ihm selbst bewirkte Änderung der Umgebung zur
Kreation und Selektion einer einzigen neuen Funktion veranlasst, die den
Übergang zur nächsten Stufe bewirkt.
Die Entwicklung des Lebens bis zum Menschen wird in 6 Hauptetappen untergliedert:
1. Biogenese vom Urozean bis zur lebenden Urzelle
2. Ökogenese von der isolierten Zelle zum gekoppelten Ökosystem
3. Zoogenese vom Einzeller zum vielzelligen Organismus
4. Psychogenese, die Entwicklung des Nervensystems
5. Soziogenese, die Herausbildung von Arten
6. Anthropogenese, die Menschwerdung
1.1. Der Urozean
Ausgangspunkt ist der Urozean. Er
besteht nach allgemeiner Auffassung aus Wasser und verschiedenen organischen
Ausgangsstoffen, die durch hier nicht betrachtete mechanische, physikalische
und chemische Prozesse entstanden sind. (siehe auch Die Entstehung des Lebens auf der Erde
)
Sind die Wechselwirkungskräfte zwischen den organischen Molekülen und
Wassermolekülen kleiner als zwischen den organischen Molekülen untereinander,
so sind die Substanzen nicht oder nur begrenzt mit Wasser mischbar. Es bilden
sich 2 Phasen, in der einen befindet sich Wasser in geringer Konzentration in
einer organischen Flüssigkeit und in der anderen ist die organische Substanz in
geringer Konzentration in Wasser gelöst. Der Grad der Entmischung hängt von der
Temperatur ab, da die thermische Bewegung der Moleküle den molekularen
Anziehungskräften entgegenwirkt. Zwischen den beiden Phasen bildet sich eine
wenige Moleküle dicke Phasengrenzschicht. Der thermodynamische
Gleichgewichtszustand als Zustand niedrigster innerer freier Energie bzw.
Enthalpie ist dann erreicht, wenn die Phasengrenzschicht, in der ja
grundsätzlich Moleküle unterschiedlicher Stoffe aneinander grenzen und deshalb
unter den o.a. Voraussetzungen eine größere freie Enthalpie besitzen, eine
minimale Fläche ausweist, d.h. Kugelgestalt angenommen hat. (Oberflächenspannung !)
Der thermodynamische Gleichgewichtszustand des Urozeans mit
verschiedenartigen organischen Substanzen besteht damit ursprünglich aus einer
homogenen Lösung der miteinander mischbaren Substanzen, in die stabile Bläschen
der nicht mischbaren Substanzen eingelagert sind.
In diesen Bläschen sind von vornherein Bedingungen für die Entstehung
höhermolekularer organischer Substanzen vorhanden, sofern diese nicht
wasserlöslich sind. Wasserlösliche Substanzen können innerhalb der Bläschen
erst entstehen, nachdem sich aus den nicht wasserlöslichen Substanzen eine
feste, semipermeable Membran gebildet hat, die dem sich dann aufbauendem
osmotischen Druck standhalten kann.
Eine Membran ist zunächst ein mechanisch wirkendes Element. Große
Moleküle werden zurückgehalten, Wasser (und kleine) diffundieren durch. Für
letztere stellt sich thermodynamisches Gleichgewicht ein, d.h. wenn ihre
Konzentration auf beiden Seiten die gleiche ist, hört die Diffusion auf. Der
sich einstellende Druckunterschied = osmotischer Druck ist proportional zum
Konzentrationsunterschied der großen Moleküle, welche die Membran nicht
durchdringen können. Solange die Membran mechanisch dem osmotischen Druck
standhält, ist das Bläschen stabil. Wenn die Membran dem osmotischen Druck
nicht standhalten kann, muss Wasser (und/oder kleine Moleküle) unter Aufwand
von Energie herausgepumpt werden ( z.B. durch Aquaporine), damit die
Gesamtdruckdifferenz sinkt. Die für das Herauspumpen erforderliche Energie muss
durch Einwanderung energiereicher Moleküle, deren chemische Energie in
mechanische umgesetzt werden kann, bereitgestellt werden. Die Einwanderung
folgt zunächst dem Diffusionsgesetz und den thermodynamischen Gesetzen. Der
Zustrom von Energieträgern wird bei ihrem Verbrauch im Inneren allein durch
Diffusion aufrechterhalten. In jedem einzelnen Bläschen können zufällig
unterschiedliche höhere Eiweiße und sekundäre Energieträger entstehen, solange
der Zustrom primärer Energieträger anhält. Bei Verknappung der zuströmenden
Energieträger setzt Selektion der unterschiedlich effektiven Bläschen ein. Nur
die Bläschen, die eine ausreichend stabile Membran und effektive Aquaporine
gebildet haben, bleiben erhalten, die anderen zerfallen.
Durch Verbrauch der energiereichen Substanzen kann eine Grenze erreicht
werden, bei der durch Diffusion nicht mehr genügend Energie bereitgestellt
wird, um den Druck im Inneren und die Membran stabil zu halten. Bevor diese
Grenze erreicht wird und solange der Import der energiereichen Moleküle noch
durch Diffusion gesichert ist, muss ein Resorber in der Membran entstehen, d.h.
es müssen resorbierende Membranproteine gebildet
werden, die unter Energieverbrauch Energieträger entgegen dem
Konzentrationsgefälle durch die Membran ins Innere schleusen können.
Die beim Abbau eines importierten energiereichen Teilchens gewonnene
Energie muss für den Transport dieses Teilchens durch die Membran und für das
Abpumpen des osmotisch eindringenden Wassers ausreichen, damit das Bläschen
langfristig stabil bleiben kann. In dieser Phase sorgt dieses Kriterium für die
Entwicklung und Selektion effektiver Resorber, stabiler Membranen und von
Prozessen für die Umwandlung energiereicher organischer Substanzen in solche
Substanzen (ATP), die für die Energieversorgung der Resorber und Aquaporine
geeignet sind(Dissimilation).
In dieser Entwicklungsstufe muss das bis dahin passive und nur reaktive Bläschen aktiv werden, das heißt es muss sich die für seine weitere Existenz notwendige Energie immer mehr selbst besorgen oder es zerfällt.
Im Prozess der Biogenese entsteht durch die Aufeinanderfolge rein
physikalisch-thermodynamischer und chemischer Prozesse ein stabiles System, das
als letzten Schritt den Übergang zur biotischen Existenzform vollzieht, indem
es als Subjekt autonom eine Tätigkeit zur Befriedigung seiner
Erhaltungsbedürfnisse aufnimmt. Damit ist die Urzelle mit einer qualitativ
neuen, emergenten Eigenschaft des physikalisch-chemischen Systems entstanden,
die als Grundlage aller biologischen Gesetzmäßigkeiten die weitere Evolution
bestimmt. (siehe hierzu auch Wieser)
1.3. Fotosynthese
Bei weiterem Verbrauch organischer Energieträger droht durch die
abnehmende Menge der nutzbaren organischen Substanzen im Urozean absoluter
Energiemangel. Ein Weg zur Überwindung des Energiemangels ist die vollständige
Trennung des Stoffwechsels vom Energieverbrauch durch Bildung von Eiweißen mit
der Fähigkeit zur Fotosynthese. Diesen Weg schlagen die Pflanzen ein.
Ein zweiter Weg ist die Entwicklung eines Ökosystems mit seinen
trophischen Beziehungen des Fressens und Gefressenwerdens.
Ökologische Systeme sind überindividuelle biotische Systeme, die
notwendig sind, um der Verknappung abiotisch entstandener Substanzen zu
entgehen und die die nächsten Stufen der Evolution biotischer Systeme
bestimmen. Insgesamt sind zwischen den individuellen Systemen 4 Arten von
Beziehungen denkbar.
·
Trophische
Beziehungen: heterotrophe Systeme fressen autotrophe Systeme
·
Intrasubjektive
Beziehungen: lebende Systeme identifizieren einander als identische Subjekte
und koordinieren ihre Tätigkeit bezüglich eines gemeinsamen Gegenstandes als
Gesamtsubjekt
·
Intersubjektive
Beziehungen: identische Subjekte konkurrieren um einen gemeinsamen Gegenstand
·
Soziale
Beziehungen: Die Handlungen eines Subjektes sind auf die Befriedigung der
Bedürfnisse eines anderen Subjektes gerichtet
Als nächsten Schritt müssen die individuellen Systeme Funktionen
entwickeln, die der Erhaltung der ökologischen Systeme dienen. Um das
trophische Gleichgewicht der Biosphäre aufzubauen und zu erhalten, müssen
unterschiedliche Arten von Pflanzen und Tieren entstehen, die sich gegenseitig
als Nahrung dienen und auf diese Weise die ursprünglichen anorganischen
Stoffvorräte und die Lichtenergie optimal ausnutzen. Das erfordert mindestens
die Entwicklung folgender Funktionen:
·
Ein
Verdauungsapparat muss größere Energieträger der Umwelt in kleinere Stücke
zerlegen, auflösen und chemisch verarbeiten können
·
Ein
Bewegungsapparat muss die Annäherung an potentielle Energieträger ermöglichen
·
Ein
Signalsystem muss die Bewegung in Richtung potentieller Energieträger steuern
·
Durch
Wachstum, Fortpflanzung und Vererbung muss für einen Ersatz der gefressenen
Individuen gesorgt werden
Die trophischen Beziehungen werden durch Tätigkeiten der Subjekte, die übrigen Beziehungen zwischen den
Mitgliedern der überindividuellen Systeme werden durch Handlungen der Subjekte realisiert.
Die zunächst bewegungsunfähige Zelle muss als erstes einen Effektor entwickeln,
der die Fähigkeit zur Ortsveränderung verleiht, um auf Nahrungssuche gehen zu
können, wenn die unmittelbare Umgebung leergefressen ist.
Als nächstes wird ein Steuerelement benötigt, das den Effektor antreibt,
wenn die Energiereserve im inneren Milieu sinkt und ihn abbremst, wenn Nahrung
vorhanden ist und die Energiereserven steigen.
Im nächsten Schritt wird ein Signalrezeptor gebraucht, um sich auch
einem entfernteren Gegenstand nähern zu können. Es entsteht ein Informationsbedürfnis.
Der Nahrungsbedarf kann durch Fressen anderer Zellen auf die Dauer nur
dadurch gedeckt werden, dass durch
Vermehrung, Vererbung und Fortpflanzung der Bestand an fressbarer Substanz
wieder her gestellt wird und erhalten bleibt. Die ursprüngliche Zelle muss
deshalb mit Fähigkeiten zur Vermehrung, Vererbung und zum Gentransfer
ausgestattet werden, wenn das trophische Nahrungssystem stabil bleiben soll.
Damit entsteht gleichzeitig ein Zwang zur Überlegenheit über andere Lebewesen,
zur Verbesserung der Möglichkeiten zur Nahrungsbeschaffung und zur Verteidigung
gegen Fressfeinde. Dies beförderte die Herausbildung großer vielzelliger
Gesamtsubjekte mit vielseitiger innerer Organisation und Steuerung und den
Erwerb von Eigenschaften als Mitglied überindividueller Systeme.
Das systemtheoretische Modell der ursprünglichen Zelle mit den
Grundbestandteilen Erhaltungssystem und Steuersystem ist gleichzeitig
Ausgangsmodell des vielzelligen Organismus. Die Tätigkeit des vielzelligen
Subjektes umfasst (äußere ) Aktionen wie Bewegungen und Sekretionen und innere
Komponenten, die durch das Steuerungssystem (informationelle Komponente) und
das Erhaltungssystem (metabolische Komponente) realisiert werden. Mit der
Herausbildung großer Gegenstände, die nicht mehr ausreichend diffundieren,
gliedert sich die Tätigkeit in die Vorbereitungsphase der zielstrebigen
Annäherung des Subjektes an den Gegenstand und die Vollzugsphase der
unmittelbaren Aneignung des Gegenstandes.
Die individuellen Tätigkeitsformen der Subjekte entwickeln sich
historisch, weil die Gegenstände größer, vielfältiger und beweglicher werden
und sich verbergen. Das erfordert auch den Übergang zu kollektiver Tätigkeit
der Subjekte. Damit entsteht ein Zwang zur Entwicklung zum Vielzeller.
Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist eine Zellkolonie mit rein chemischer
Kommunikation zwischen den einzelnen Subjekten.
Das vielzellige Subjekt ist ein hierarchisch organisiertes Subjekt aus
Subjekten verschiedener Ordnung. Die Subjekte niederer Ordnung erfüllen unter teilweisem
Funktionsverlust Funktionen von Subjekten höherer Ordnung. Die Tätigkeit des
vielzelligen Subjekts ist eine Funktion des Gesamtsubjekts. Die funktionellen
Komponenten des Gesamtsubjekts sind referentielle Repräsentanten des
Gesamtsubjekts. Die Aktionen der funktionellen Komponenten werden zunächst
chemisch über das interne Milieu gesteuert und bilden die Tätigkeit des
Gesamtsubjektes.
Die Entstehung von Nervenzellen ermöglicht die differenzierte
Ansteuerung von Effektoren und damit im Prinzip die gerichtete Bewegung hin zum
Gegenstand.
Signale sind Eigenschaften von Gegenständen, deren Informationsgehalt
durch die Bedürfnisse des Subjektes bestimmt wird. Nachrichten aber
transportieren Informationen über Subjekte. Sie sind Zeichen, deren Information
durch Konvention zwischen Subjekten bestimmt wird, die genetisch gespeichert
sind. Die Bedürfnisse der ersten ursprünglichen Nervenzelle werden durch die
stofflich-energetischen Komponenten des inneren Systemmilieus befriedigt, deren
Nachrichtenqualität die Nervenzelle mit der Erzeugung bioelektrischer
Nachrichten beantwortet, die an Effektorzellen weitergeleitet werden. Diese
Funktion wird später von efferenten Nervenzellen wahrgenommen, die ihre
Eingangsnachrichten von afferenten Nervenzellen erhalten. Afferente
Nervenzellen werden von Signalrezeptoren, die von Gegenständen ausgesendete
Signale empfangen, gesteuert und leiten
ihre Impulse an efferente Nervenzellen weiter. Im nächsten Entwicklungsschritt
differenzieren sich Zellen, die ursprünglich Stoffe und Signale von
Gegenständen verarbeiteten, zu spezialisierten Sinneszellen und
Verdauungszellen. Die Steuerung der Bewegung mit Hilfe von Effektoren erfolgt
nun von Sinneszellen über afferente und efferente Nervenzellen gewissermaßen am
Gesamtsubjekt vorbei. Die Bedürfnisse des Gesamtobjektes können nur dadurch
berücksichtigt werden, dass die stofflich-energetischen Komponenten des inneren
Milieus auch die diesbezüglichen Bedürfnisse
der efferenten Nervenzellen befriedigen müssen und so Einfluss auf deren
Kommandonachrichten nehmen. Im nächsten Schritt differenziert sich ein
psychisches Zentrum in Form eines hypothetischen Zentralneurons von der
efferenten Nervenzelle, die eine Nachricht von der afferenten Steuerzelle an
den Effektor weiterleitet, aber ihrerseits vom Zentralneuron gesteuert wird,
welches nunmehr das Gesamtsubjekt repräsentiert. Die Bewertung des Erfolgs der
Tätigkeit erfolgt auf dieser Organisationsstufe durch Entstehung und genetische
Vererbung des Art-Gedächtnisses in Form des einfachen Nervensystems.
Mit der Entstehung unterschiedlicher Arten von Sinneszellen gliedert
sich die auf die Aneignung eines Objektes gerichtete Tätigkeit in mehrere
Einzelschritte auf, zu deren Steuerung sich das Zentralneuron in ein Operon mit
mehreren Nervenzellen differenziert, die verschiedene Teilschritte der
operationalen Tätigkeit steuern. Auf dieser Stufe wird der Erfolg einer operationalen
Tätigkeit durch chemische Langzeitpotenzierung der Nervenverbindungen
(Synapsen) im Operon individuell bewertet (Kurzzeitgedächtnis) , die so lange
anhält, wie die Tätigkeit dauert.
Mit der Entwicklung unterschiedlicher operationaler Tätigkeiten wird die dauerhafte Bewertung des Erfolgs der Tätigkeit erforderlich. Es entstehen die dentritischen Dornen an den Synapsen zur Verstärkung der Kopplungen. Nervenzellen, die nur zeitweilig in die Steuerung einer spezifischen operationalen Tätigkeit einbezogen sind, speichern in den entstandenen Dentriten die individuelle Bewertung des Erfolgs der Tätigkeit, bilden ein eigenständiges Gedächtnis und ermöglichen dadurch die spätere Auswahl zwischen unterschiedlichen operationalen Tätigkeiten entsprechend dem Erfolg früherer Tätigkeiten.
Sollen verschiedene operationale Teiltätigkeiten miteinander kombiniert werden, sind spezialisierte separate Nervenzellen erforderlich, in denen psychische Abbilder der Eigenschaften von Gegenständen gespeichert werden können. Diesem sekundären Gedächtnis werden aus früheren Tätigkeiten gewonnene Daten zugeschrieben und es können psychische Abbilder von Gegenständen erzeugt werden, die aktuell nicht mehr vorhanden sind. Das sekundäre Gedächtnis ist eine Voraussetzung für die Planung kombinierter Tätigkeiten.
Die Psyche im engeren Sinne ist die Funktion der hypothetischen Zentralneuronen und repräsentiert das Gesamtsubjekt. Die Psychischen Funktionen schließen die psychischen Hilfsfunktionen der übrigen Nervenzellen ein. Das Psychische meint die Gesamtheit von Psyche und psychischen Funktionen.
Das psychische Abbild ist zwar subjektiv und individuell, hat aber einen objektiven Bezug zum Gegenstand, sonst könnte es nicht die Realisierung des Bedürfnisses unterstützen.
(siehe hierzu auch Damasio )
Die Herausbildung biotischer Arten erfordert den Genaustausch innerhalb der Art und die genetische Abgrenzung zu anderen Arten. Der Genaustausch innerhalb der Art wird durch die ursprünglichen sozialen Beziehungen der Individuen realisiert. Subjekte führen Tätigkeiten zur Aneignung von Gegenständen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aus, oder sie realisieren Handlungen an anderen Subjekten ihrer Art zur Befriedigung ihrer Triebe zum Genaustausch. Die Steuerung der Handlung durch Triebe erfolgt über die gleiche Art von Steuerungssystem wie die Steuerung der Tätigkeit durch Bedürfnisse. Während die Befriedigung der Bedürfnisse der Erhaltung des Individuums dient, dient die Befriedigung der Triebe aber ausschließlich der Erhaltung der Art. Der Erfolg der Handlung kann deshalb auch nicht durch ein individuelles Gedächtnis bewertet werden, sondern erst nachdem die triebgesteuerte Handlung erblich geworden und vererbt worden ist. Für die Triebbefriedigung ist die Bedürfnisbefriedigung nur in dem Maße bedeutsam, in dem die Erhaltung des individuellen Lebens Voraussetzung für die Erhaltung der Art ist. Außerhalb dieser Grenze dominiert der Trieb das Bedürfnis.
Zur Organisation des Genaustausches bilden Vielzeller neben den Körperzellen Gameten, deren spezifische Funktion die Fortpflanzung ist, die sich aber nicht selbständig ernähren können. Unbewegliche Eizellen sichern die Ernährung und kleine bewegliche Samenzellen ermöglichen das Zusammentreffen unterschiedlicher Genomsätze bei der Befruchtung zur Zygote. Ei- und Samenzellen enthalten jeweils nur einen einfachen Chromosomensatz (haploid), während die Zygote und die sich daraus entwickelnden Körperzellen den Chromosomensatz doppelt (diploid) enthalten. Sind in den doppelten Chromosomensätzen einzelne Gene unterschiedlich, so ist jeweils eines dominant das andere rezessiv. Das dominante Gen bestimmt die Merkmalsausbildung des Phänotyps, das rezessive nur dann, wenn es in beiden Sätzen enthalten ist. Bei ideal angepassten Arten wird das rezessive Gen in reinerbigen Phänotypen ausselektiert und erhält sich nur in den mischerbigen. Bei nicht ideal angepassten Arten bleibt auch der rezessive Phänotyp in einem festen Verhältnis überlebensfähig, das durch seine relative Fitness bestimmt ist. Das Verhältnis der reinerbigen Typen ändert sich bei Veränderung der Umwelt. Frisch mutierte Gene verschieben die Verteilung im Genpool allmählich in Richtung auf eine ideale Anpassung der Art. Bei ideal angepassten Arten bleibt der Genpool konstant. Die Variationsbreite des Genpools gewährleistet die Anpassung an Umweltveränderungen. Je mehr Gameten erzeugt werden, um so größer wird die Variation des Genpools. Brutfürsorge und gute Vermischung des Genpools erhöhen die Fitness. Räumliche Isolation der Art und unterschiedliche Fortpflanzungszeiten sorgen durch Trennung der Arten für die Erhaltung der Art.
Bei zunehmender Größe und Entfernung der Individuen voneinander muss durch soziale Organisation der Fortpflanzungserfolg und die ausreichende Durchmischung des Genpools gewährleistet werden. Die territoriale Grundform der genetischen Organisation ist die Population, innerhalb der sich ein einheitlicher Genpool herausbildet. Bei überlappenden Territorien ist ein ausreichender Gentransfer vorhanden, so dass die Art erhalten bleibt. Bei isolierten Territorien bilden sich in den Territorien unterschiedliche neue Arten.
Der Fortpflanzungserfolg erhöht sich durch Bildung zeitweiliger Sozietäten, wie Schwarmbildung, Paarbildung und Begattung und wird weiter verbessert durch dauerhafte Sozietäten, wie Brutpflege, Familien, Herden und Rudel. Da die Bildung dauerhafter Sozietäten aber die Durchmischung des Genpools (Panmixie) vermindert, entwickeln sich Regeln, die jeweils die Vertreter des einen Geschlechts nach Erreichung der Geschlechtsreife aus der Sozietät ausschließen.
Bei menschlichen Sozietäten verstärkt sich die genetische Isolation noch durch rituelle Initiation (förmliche Aufnahme des Nachwuchses in die Erwachsenengesellschaft), durch die Institution des Inzesttabus wird dem jedoch entgegengewirkt.
Auf dem niedrigsten psychischen Niveau wird die Steuerung von Handlungen in der gleichen Weise wie die Steuerung von Tätigkeiten realisiert. Die Bewertung der Tätigkeit erfolgt durch das Subjekt im Hinblick auf seine Bedürfnisse. Die zur Steuerung erforderlichen Nervenverbindungen können deshalb auch individuell je nach Erfolg gespeichert werden. Die Bewertung von Handlungen erfolgt jedoch erst durch die Erhaltung der Art. Die Fixierung von Nervenverbindungen zur Steuerung von Handlungen kann deshalb nur unabhängig von und vor der Bewertung erfolgen. Die Steuerung von Triebhandlungen ist deshalb im nichtindividuellen artspezifischen Gedächtnis fixiert. Mit dem Übergang zur Steuerung von Tätigkeiten durch psychische Abbilder erfolgt auch ein Übergang zur Steuerung von Handlungen durch psychische Abbilder. Während psychische Abbilder von Gegenständen durch Zuweisung von Gegenstandsmerkmalen im individuellen Gedächtnis durch das Subjekt definiert werden, nachdem der Erfolg der Tätigkeit festgestellt wurde, kann die Definition von Merkmalen der Artgenossen nicht auf diesem Wege erfolgen, weil der Erfolg der Handlung nicht individuell durch das Subjekt festgestellt werden kann. Die psychischen Abbilder der Artgenossen sind deshalb genetisch im Artgedächtnis als Schemata von Nervenverbindungen gespeichert, denen noch keine spezifischen Artmerkmale zugewiesen sind. Die konkreten Artmerkmale werden dann erst während der Ontogenese durch Brutpflege und Gruppenverhalten der Eltern einmalig zugewiesen und können nicht mehr verändert werden (Prägung). Die Prägbarkeit ist ein genetisch vererbtes Merkmal des Nervensystems, das die Kenntnis der eigenen Art ermöglicht. Während ursprüngliche Gegenstandssignale während der Tätigkeit durch andere Signale ersetzt werden können (bedingte Reflexe), weil das Individuum den Erfolg der Tätigkeit bewertet, kann das Individuum einmal zugewiesene Signale der Artgenossen nicht mehr durch andere ersetzen, weil es den Erfolg der Handlung nicht bewerten kann.
In individualisierten Sozietäten kennen die Individuen einander. Diese Kenntnis wird ebenfalls durch den Vorgang der Prägung vermittelt und bezieht sich auf die Zuordnung nur der Mitglieder der eigenen Gruppe als Artgenossen und auf die Rituale der Rangordnung.
Signalhandlungen unterliegen ebenfalls der Prägung. Sie sind von der Signalfunktion körperlicher Eigenschaften zu unterscheiden. Signalhandlungen, z.B. Gesänge von Vögeln, können je nach Art angeboren sein oder es wird nur das Schema angeboren und die konkrete Art des Gesangs durch Nachahmung geprägt. Die Zuweisung einer Nachricht erfolgt erst durch den empfangenden Partner. Die Nachahmung selbst ist wiederum eine triebgesteuerte Handlung, die erst auf dem psychischem Niveau der Steuerung durch Vorstellungen möglich wird. Die Nachahmung einer Tätigkeit hat den Charakter einer Signalhandlung. Die Bildung von Sozietäten ist mit folgenden Funktionserweiterungen der Psyche verbunden:
Referent des Subjektes --< Referent des Artgenossen
Gegenstandssignale --< soziale Signale
Steuerung von Tätigkeiten --< Steuerung von Handlungen
individuelles Gedächtnis --< artspezifisches Gedächtnis
Konditionierbare Verbindungen --< erfahrungsresistente geprägte Verbindungen
Psych.Abb.von Gegenständen --< Prägung und Nachahmung
Die bislang rekonstruierten Funktionen der Lebewesen sind erforderlich, um Tätigkeiten zur Erhaltung des Individuums und Handlungen zur Erhaltung der Art zu realisieren. Die nächste Stufe der Menschwerdung erfordert die Beschreibung ihrer kollektiven Tätigkeit. Die Ausführung kollektiver Tätigkeiten erfordert die gleichzeitige Ausführung einer Tätigkeit zur Befriedigung eines Bedürfnisses und einer Handlung zur Begünstigung eines Artgenossen. Das Lebewesen muss hierzu nicht entweder oder, sondern gleichzeitig Subjekt und Artgenosse sein. Hierzu ist eine neue psychische Instanz erforderlich, deren Funktion die Steuerung des Subjektseins und des Artgenosseseins im Interesse des Individuums übernimmt.
Hinzu kommt ein dritter zu steuernder Komplex, der mit den für Tätigkeiten und Handlungen bereits entstandenen Arten von Steuersystemen gesteuert werden kann. Dieser dritte Komplex ist das interne Milieu des Lebewesen, dessen Körpersignale von internen Signalrezeptoren zu Kommandonachrichten für Exkreatoren zu verarbeiten sind, die Komfortaktionen zur Aufrechterhaltung des Wohlbefindens bewirken. Das oberste Steuerzentrum dieses internen Regelkreises ist das „Ich“, das über Körpersignale die Komfortaktionen steuert, um das Wohlbefinden des „Selbst“ aufrechtzuerhalten. Dabei werden die erfolgreichen Verbindungen im individuellen Gedächtnis gespeichert und in gleicher Weise wie bei Tätigkeiten ein Gegenstandsbild im eigenständigen Gedächtnis ein Selbstbild aufgebaut. Das psychische Zentrum repräsentiert das Ich und steuert das Selbst, das Subjekt und den Artgenossen. Es ist in jeder Aktion immer nur Ich und agiert als Subjekt oder als Artgenosse. Das psychische Abbild des Ich von sich selbst ist das Ichbewusstsein. Das Bewusstsein ist eine funktionelle Komponente des Steuerungssystems lebender Systeme. Es bildet nicht nur Gegenstände und Artgenossen ab, sondern hier werden auch Antriebe der Tätigkeiten und Handlungen bewusst. Bewusst gewordene Antriebe von Tätigkeiten sind Absichten, bewusst gewordene Antriebe von Handlungen Motive. Das Bewusstsein repräsentiert das Ich.
Kollektive Tätigkeit besteht aus den 3 Phasen Vorbereitung, Verteilung und Vollzug. Bei kollektiver Tätigkeit richten sich die Bedürfnisse der Subjekte auf einen gemeinsamen Gegenstand. Die Subjekte verschmelzen zu einem Gesamtsubjekt durch den Vorgang der Assoziation und werden Mitglieder einer Gruppe. Dem psychischen Selbstbild des Ich wird dabei die Komponente des Selbstbildes „Wir“ hinzugefügt. Jedes Mitglied der Gruppe wird damit Repräsentant der Gruppe. Die Gruppe als kollektives Subjekt kann mehrere verschiedene Operationen gleichzeitig ausführen. Durch Identifikation der Individuen mit der Gruppe kann jedes Individuum auch ohne Kommunikation mit den anderen spezielle Operationen ausführen, die zum Erfolg der kollektiven Tätigkeit führen.
Die freie Entscheidung des Individuums zur Assoziation wird durch das Ichbewusstsein ermöglicht, durch welches das Individuum seine Aktionszustände steuern kann. Die Steuerung einer Tätigkeit oder einer Handlung allein erforderte noch keine derartige Entscheidung, der physiologische Zustand bestimmte die jeweils auszuführende Aktion allein durch Interpretation der jeweils einlaufenden Signale.
Auf
dem Wege von den Gesellschaften der letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Affen
zu den heute noch existierenden menschlichen Gesellschaften müssen
Zwischenschritte angenommen werden, die einen offenen Freiraum überbrücken. Bei
den Schimpansen gibt es offene Kommunitäten, zwischen denen Individuen
regelmäßig ausgetauscht werden, insbesondere wechselt der weibliche Nachwuchs regelmäßig in andere Kommunitäten,
wodurch die Durchmischung des Genpools in der Population gewährleistet ist. Die
ältesten bekannten Menschengesellschaften bilden jedoch genetisch geschlossene
Ethnien, die sich gegeneinander abgrenzen. Im Inneren aller Ethnien wird ein
Genaustausch durch Inzesttabus erzwungen, die für ausreichende genetische
Durchmischung zwischen den einzelnen Familien und Clans sorgen. Mit der
Unterbindung der Zuwanderung gruppenfremder Artgenossen durch
Initiationszeremonien (Jugendweihe) erbrachte das Inzesttabu innerhalb der
Familie einen Selektionsvorteil für die Gruppe. Als Zwischenschritt auf diesem
Wege nimmt man die Blutverwandtschaftsfamilie an, in der das Inzesttabu nur
zwischen den Generationen galt. Diese Annahme wird damit begründet, dass es
noch heute Ethnien gibt, in denen alle Verwandten einer Generation als
Geschwister bezeichnet werden.
Als Ursache für das Entstehen dauerhaft geschlossener Gesellschaften rekonstruiert Litsche die Weiterentwicklung der Dreiphasentätigkeit kollektiver Subjekte. Solange in kollektiver Tätigkeit nur kleine Beutetiere gejagt wurden, zerfiel das Gesamtsubjekt nach Abschluss der Teilung wieder in einzelne Subjekte für den Verzehr der Beute als Vollzug der Aneignung des Gegenstandes. Mit dem Übergang zur Jagd von Großwild konnte die Beute nicht auf einmal verzehrt werden. Es bildeten sich kollektive Langzeitsubjekte, in die auch Mitglieder einbezogen werden konnten, die nicht an der Jagd teilgenommen hatten. Für letztere wurde die Jagdbeute von einen Gegenstand zu einem kollektiv hergestellten Produkt, auf das sich die kollektive Bedürfnisbefriedigung richtete. Die kollektiven Langzeitsubjekte entwickelten sich zur assoziativen Kommunität, mit der sich die Individuen identifizieren konnten. Soziales Subjekt wird das Individuum durch seine freie Entscheidung, die Bedürfnisse des Kollektivs als Antrieb der eigenen Aktion zu setzen. Ohne diese Entscheidung bleibt das Individuum isoliertes Subjekt, das an der kollektiven Tätigkeit lediglich zur Befriedigung seiner individuellen Bedürfnisse teilgenommen hat (Scheinassoziation). Gegenstände erhalten die Merkmale eines Produktes nur dann, wenn sie in kollektiver Tätigkeit hergestellt wurden und nicht sofort verteilt und verbraucht werden, so dass sie Gegenstand eines neuen Bedürfnisses werden können.
So wie das Ichbewusstsein der Individuen, einmal entstanden, auch die Steuerung des individuellen Wohlbefindens übernimmt, so kümmert sich eine assoziative Kommunität auch um die Erhaltung des sozialen Wohlbefindens. Das soziale Wohlbefinden wird gestört durch Tod und Auswandern einzelner Mitglieder, insbesondere des Nachwuchses der Kommunität. Deshalb entwickeln assoziative Kommunitäten zeremonielle Initiationen zur Aufnahme des Nachwuchses in sie selbst, durch die die Abwanderung unterbunden und die durch Tod ausscheidenden Mitglieder ersetzt werden sollen. Das hat als Nebenwirkung zur Folge, das die Kommunitäten genetisch abgeschlossen werden. In dem kleineren Genpool einer so abgeschlossenen Gesellschaft sind die Voraussetzungen gegeben, damit sich Mutationen schneller im Genpool ausbreiten können und damit die genetische Evolution beschleunigt wird. Dies könnte die Ursache gewesen sein für die schnelle genetische Evolution der spezifischen Eigenschaften des Menschen und insbesondere seines großen Gehirns. Die geschlossene assoziierte Kommunität kann so als das fehlende Glied der Entwicklung zum Menschen, als die „Urgesellschaft“ rekonstruiert werden, in der sich die Menschwerdung abspielte. Entscheidend für diese Entwicklung war dabei der Übergang zur Großtierjagd, der in der Epoche des Homo erectus vollzogen wurde.
So wie in der Vorbereitungsphase der 3-Phasentätigkeit Produkte geschaffen werden, die dingliche Eigenschaften haben, die aber ohne die kollektive Tätigkeit einer assoziativen Kommune nicht existieren würden, so entstehen als weitere soziale Entitäten in dieser Tätigkeit Institutionen ohne dingliche Merkmale, die durch ihre Funktion Beiträge zur Erhaltung der Gesellschaft leisten. Die bei der Schaffung eines Produktes notwendigen Operationen werden arbeitsteilig von verschiedenen Individuen ausgeführt, die dadurch zu Trägern verschiedener sozialer Funktionen werden. Die wiederholte Ausführung dieser Funktionen macht die Individuen auch außerhalb der aktuell durchgeführten Tätigkeit zu Funktionsträgern, deren charakteristische Merkmale der betreffenden Person zugeschrieben und im psychischen Abbild der Mitglieder der Kommune im Artgedächtnis gespeichert werden. Inhaber einer Funktion zu sein wird so zum sekundären Artmerkmal, das als nicht vom Individuum zu bewertende Rolle der Prägung unterliegt. Die soziale Rolle wird wie das Verhältnis bei der Brutpflege in der Struktur des Nervensystems vererbt und nur durch die konkrete Tätigkeit einem bestimmten Individuum im Artgedächtnis zugeordnet. Bei der Herausbildung einer dauerhaft beständigen Kommunität wird die zunächst auf das Individuum bezogene Rolle institutionalisiert, sie wird zu einer gesellschaftlichen Einrichtung, deren Funktion bei Ausfall des Individuums von einem anderen Individuum wahrgenommen werden muss. Mit der Schaffung dauerhafter Werkzeuge, die zur Erfüllung der Funktion erforderlich sind, werden die Institutionen in den zugehörigen Werkzeugen verdinglicht. Auf diese Weise entsteht die institutionalisierte Gesellschaft.
Die Verselbständigung des Werkzeuges zu einem Kulturgegenstand, der zu einer Institution der Gesellschaft wird, konnte mit dem bislang rekonstruierten psychischen Apparat, der nur Abbilder von Gegenständen, Artgenossen und des Selbst kennt, nicht erfasst werden. Es muss sich eine neue psychische Funktion in Form des gesellschaftlichen Bewusstseins herausbilden, in dem die psychischen Abbilder der Kulturgegenstände gespeichert werden und mit deren Hilfe das Individuum seine individuelle Arbeit als Ausübung einer sozialen Rolle steuert. Mit Hilfe dieses Bewusstsein muss das Individuum in seiner eigenen Handlung die Rolle der Institution wahrnehmen, die durch das Werkzeug bestimmt wird, und in dieser die gesamte Gesellschaft repräsentieren. Das Individuum assoziiert sich in einer institutionalisierten Gesellschaft durch Übernahme einer Rolle in einer Institution dieser Gesellschaft und wird damit zur Persönlichkeit.
Die pädagogische Tätigkeit ist darauf gerichtet, durch Erziehung die Abbilder von Kulturgegenständen in das gesellschaftliche Bewusstsein des noch rollenlosen Nachwuchses zu übertragen und diesen durch deren Aneignung zu befähigen, eine Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen.
Die Entwicklung der pädagogischen Tätigkeit verändert das Verhältnis der Generationen zueinander. Die Großeltern sind diejenigen, die alle anderen erzogen haben, die Jungen die, die bereits erzogen sind, aber noch niemanden erzogen haben, die Eltern die, die von den Großeltern erzogen wurden und die Jungen erzogen haben und die Kinder die, die noch nicht erzogen sind. Diese Gliederung bildet die einfachste Erklärung für die ursprüngliche Entstehung des Inzesttabus in der hypothetischen Blutsverwandtschaftsgesellschaft, in der genetische Zusammenhänge ja noch nicht bekannt waren.
Durch Zurichtung des Werkzeuges und die Verwendung zugerichteter Werkzeuge in der Produktion verstärkt sich die Verbindung des Besitzers mit seinem Werkzeug. Der Besitzer behält sein Werkzeug auch außerhalb der Produktion, damit wird das Werkzeug zum Träger der Persönlichkeitseigenschaften des Besitzers, zu seinem Insignum. Das Werkzeug wird zum Zeichen der sozialen Rolle seines Besitzers. Nach dem Tod des Besitzers wird das Werkzeug einem Nachfolger übergeben, es wird damit zu einem Zeichen für eine Institution. Das Werkzeug als Zeichen existiert im gesellschaftlichen Bewusstsein der Artgenossen als Träger einer gemeinsamen Idee und ermöglicht damit die Vorbereitung der Produktion ohne die aktuelle Anwesenheit der Akteure und damit die Planung der Produktion auf der psychischen Ebene der Vorstellungen. Das Werkzeug als Zeichen tritt in der Planung an die Stelle der Individuen und ihrer Funktionen.
Das Zeichen existiert im eigenständigen Gedächtnis als psychisches Abbild eines dinglichen Trägers, wird aber dem psychischen Abbild einer anderen externen Entität, einem Objekt zugeordnet. Diese Zuordnung leistet das Zeichengedächtnis als eine spezielle funktionelle Komponente des kulturellen Gedächtnisses mit Hilfe von assoziativen Nervenverbindungen. Die Zuordnung eines Zeichens zu einem momentan nicht wahrnehmbaren Objekt ist die Grundform des Denkens, ursprüngliches Denken, eine ideelle Leistung.
Die technische Vervollkommnung der Werkzeuge führte dazu, dass bestimmte Operationen kollektiver Tätigkeit, die zunächst nur gleichzeitig von verschiedenen Mitgliedern der Gesellschaft ausgeführt werden konnten, nun auch nacheinander von den einzelnen Mitgliedern erfolgreich ausgeführt werden können. Die von einem Mitglied isoliert ausgeführte Arbeit ist nun entweder eine Tätigkeit, wenn ihr Ergebnis vom Individuum individuell verbraucht wird, oder eine Handlung, wenn das Ergebnis der Gesellschaft zur Verteilung überlassen wird. Das hergestellte Produkt wird dann zur Ware. Es liegt in freier Entscheidung des Individuums, ob er das Ergebnis seiner Arbeit der Gesellschaft überlassen will oder nicht. Die Entscheidung beeinflusst jedoch sein Wohlbefinden, wenn sie nicht in Übereinstimmung mit seinem Selbstbild erfolgt und gestaltet damit seine Persönlichkeit.
Mit Hilfe der Zeichen und Insignien werden die Individuen in ihrer Kommunität als besondere Persönlichkeiten identifiziert. Diesen individuellen Artmerkmalen werden im weiteren auch die individuellen Lautäußerungen zugeordnet und mit den psychischen Abbildungen der von ihm gehandhabten Kulturgegenstände verbunden. Die Artgenossen verstehen damit die Laute als Zeichen eines Kulturgegenstandes. Indem sie diese Laute nachahmen, wird deren Bedeutung auch dem Sprechenden bewusst, d.h. im kulturellen Gedächtnis als assoziative Verbindung gespeichert. Die Entstehung der Sprache beruht damit auf den Leistungen von Prägung und Nachahmung, die dem Artgedächtnis eigen sind und mit kollektiver Tätigkeit verbunden sind. Mit der Zuordnung der Sprache zu den Zeichen und Insignien kann die Planung gemeinsamer Tätigkeiten auf ein höheres Niveau gehoben werden, auf dem nicht alle beteiligten aktuell und gleichzeitig anwesend sein müssen. Durch sprachliches Denken kann ein isoliertes Individuum die in kollektiver Tätigkeit gleichzeitig durchzuführenden Operationen nacheinander planen und vorbereiten. Die Herausbildung der Sprachorgane erfolgt durch Mutation und Selektion auf Grund der durch die bessere Planung und die bessere Koordinierung der Operationen während der Ausführung erzielten Konkurrenzvorteile.
Die grundsätzliche Struktur der ursprünglichen Stammesgesellschaften ist dadurch gekennzeichnet, dass der Stamm in Gruppen (Clans) gegliedert ist, in denen ein Inzesttabu besteht. Das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem Clan ist ein durch Prägung gegebenes Artmerkmal, keine biotisch-genetische, sondern eine kulturell determinierte Beziehung, deren angeborene Veranlagung bereits bei den letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen in deren stabilen Männchengruppen zum Ausdruck kommt.
In diesem Buch wird die Evolution
des Menschen als eine gerichtete
Entwicklung rekonstruiert, bei der jeder Entwicklungsschritt als eine
zwangsläufige Folge des bis dahin erreichten Entwicklungsniveaus erscheint. Jede Stufe ist charakterisiert durch
Stabilität in der jeweiligen Umgebung als notwendige Existenzbedingung. Seine
Weiterentwicklung wird durch die von ihm selbst bewirkte Veränderung der Umwelt
veranlasst, die den Übergang zur nächsten Stufe erfordert.
Mir stellt sich die Frage, ob eine Weiterführung dieses Verfahrens in der rezenten Industriegesellschaft möglich ist, ob der zunehmende Verlust der Kontrolle der Individuen über die Entwicklung der Gesellschaft und damit über die Grundlagen ihres Seins eine notwendige Entwicklung oder ein Umweg ist, der sogar die Existenz der menschlichen Gesellschaft selbst gefährden könnte. Dieser Frage wird in dem Buch jedoch nicht nachgegangen. Ursache einer solchen Gefährdung könnte dann die unzureichende Anpassung des Selbstbildes der Individuen an die Erfordernisse der gesellschaftlichen Umwelt sein, was zu entsprechenden Schlussfolgerungen in der pädagogischen Tätigkeit zur Erziehung des Nachwuchses führen müsste.